Kalt ist's, nass ist's, und die Sonne schickt höchstens noch einen einzigen Strahl vom Himmel, und das nur zur Mittagszeit. Ich schlendere durch das Städtchen, und wo ich immer unter einem lauschigen Straßenbäumchen mein Käffchen getrunken habe, stehen die Stühle jetzt übereinanderstapelt und angekettet. Nur ein einsamer Stuhl ist übrig geblieben, zwar angegettet am Tischchen, aber nicht gestapelt. Er setzt schon Moos an, so schnell vergessen die Möbel und die Mittage den Sommer!
Ich aber vergesse ihn nicht so schnell!
Die Sonne schickt den einzigen Strahl des Tages genau auf diesen vergessenen, moosigen Stuhl, und ich, mit der Sturheit der heidjerischen Landbevölkerung in den Genen, nehme dort Platz. Man muss nur dezent zu provozieren wissen, dann hat man die nötige Aufmerksamkeit sofort - auch wenn man sich im Abseits befindet.
Schon steht der junge Kellner vor mir - hat sogar die längst wartenden Gäste im Lokal im Stich gelassen.
"Unser Café ist hier draußen geschlossen. Wenn Sie bitte hineingehen möchten ins Lokal...."
"Nein danke, ich hätte gern einen Latte Macchiato hier draußen."
"Aber ..."
"Bitte..."
Es dauert nicht lange und mein Latte Macchiato dampft vor mir, inmitten des einzigen Sonnenstrahls des Tages. Ich genieße müßig, halbschläfrigentspanntträumerisch die Bilder der Stadt. Ein alter Herr in schwarzem Novembermantel und Hut kommt von dort drüben, und neben ihm trottet ein Hund, der sieht genau so aus, wie ich mir Frau Moll vorstelle.
Habe ich recht gehört, du fragst, wer Frau Moll sei? Tu nicht so, als kenntest du Frau Moll nicht! Frau Moll kennt jeder, die ist bekannt wie ein bunter Hund.
Von der anderen Seite ist ganz plötzlich eine alte Dame im Blickfeld, hager und fix wie ein Wiesel. Zielstrebig steuert sie auf den Novembermantel zu.
"Entschuldigen Sie, der Herr, können Sie mir sagen, wie spät es ist?"
Der Herr hält inne in seinem nächsten Schritt, den er gerade geplant hat. "Aber gewiss doch die Dame!" Er schiebt seinen Hut mit einer gekonnten Geste etwas aus der Stirn und strahlende Augen kommen hervor, die zwinkern und blinzeln lebhaft. Die Dame lächelt zurück. So stehen sie eine Weile beieinander und lächeln sich glücklich in die faltigen Gesichter.
"Das ist sehr freundlich von Ihnen, vielen Dank", sagt die Dame schließlich und geht weiter mit einem sehr zufrieden Ausdruck im Gesicht.
Der Herr lupft seinen Hut und deutet eine Verbeugung an, der davonwieselnden Dame hinterher. Und setzt seinen Weg fort, zufrieden, Schritt für Schritt.
Nur der Hund, der aussieht, wie ich mir
Frau Moll vorstelle, spielt gar keine Rolle in dieser Geschichte, und das sieht ihm überhaupt nicht ähnlich.